Hintergrund

Als wir uns als Gruppe zusammenfanden, um die dritte konferenz von unten* zu organisieren, war unser Schwerpunkt-Thema schnell gefunden: Dialog! Denn der Begriff „Dialog“ ist in aller Munde – fast schon scheint es sich dabei um ein Allheilmittel zu handeln, um gesellschaftliche Unzufriedenheiten abzubauen und mit Konflikten umzugehen. Aber oft ist nicht wirklich klar, worüber überhaupt geredet werden soll. Wer mit wem? Wie? Und wozu?

Dem Thema „Dialog“ wollten wir uns im Rahmen der kvu von zwei Seiten nähern. Einerseits wollten wir uns über Dialog und „Ins-Gespräch-kommen“ austauschen, andererseits auch verschiedene Dialogformate oder -methoden kennenlernen und uns ganz praktisch im gegenseitigen Verstehen üben. Geplant war das spannende Programm für Ende April 2020, doch machte uns Corona kurz zuvor einen Strich durch die Rechnung und wir mussten die Veranstaltung absagen. Wie viele andere stellten wir uns die Frage: Wie weiter?

Wir alle waren in den vergangenen Monaten mit einer völlig neuen Situation konfrontiert. Die kurze Begegnung an der Kasse oder im Bus, der gemeinsame Cafébesuch, die Gespräche im Sportverein oder Chor, mit Kolleg:innen, anderen Eltern in der Kita, im Seminarraum, bei Parties oder Demos… All diese Begegnungen, die uns im Alltag zeigen, in welcher Gesellschaft wir leben, fehlten. Durch die Kontaktbeschränkungen im Zuge der Corona-Krise haben wir eine extreme Form dessen erlebt, was sowieso schon existiert: Dass wir uns vor allem mit Menschen mit ähnlichen Meinungen und Lebenswelten austauschen, uns in einer Blase bewegen. Auch Arbeit, Lern- und Unterhaltungsformate haben sich zunehmend in den digitalen Raum verlagert. Nachdem wir uns als Gruppe während der Organisation der kvu eineinhalb Jahre mit dem Thema Dialog befasst hatten, wurde uns klar, dass Webinare oder Online-Konferenzen das persönliche Gespräch – den Austausch von Mensch zu Mensch – niemals werden ersetzen können.

Und dabei passierte so viel, worüber wir dringend reden mussten und wollten. Denn die Krise trifft uns alle, aber alle unterschiedlich, je nach Lebenslage und Ressourcen. Für manche ist der Alltag noch immer von Unsicherheit, existentiellen Sorgen und Einsamkeit geprägt. Zugleich haben sich in der Ausnahmesituation für einige auch neue Türen geöffnet. Nun scheint sich die Lage insgesamt gerade wieder etwas zu entspannen, doch wir fragen uns: Geht es nun einfach weiter wie zuvor? Und ist das überhaupt wünschenswert?

Wir beobachten, dass in der Öffentlichkeit häufig sehr schnell klare Positionen vertreten und Forderungen laut werden. Dabei fällt es uns oft noch schwer, die aktuelle Lage überhaupt einzuschätzen, bei der Flut an Informationen und der zeitweisen Dynamik der Situation. Daher brauchen wir Raum, um uns mit der Lage auseinanderzusetzen, Möglichkeiten, uns im Austausch mit anderen eine eigene Meinung zu bilden, anstatt nur passiv die neuesten Entwicklungen im Live-Ticker zu verfolgen, und vielleicht manchmal auch einfach nur jemanden zum Reden. Das ist der Gedanke hinter unserem neuen Projekt. Lasst uns also kleine Räume schaffen, an denen wir mit Unbekannten über unsere Lebensrealität, über unsere Ängste und Hoffnungen ins Gespräch kommen können, an denen wir erzählen, zuhören, verstehen.

 

 

*Die Konferenz von Unten sollte im April 2020 zum dritten Mal in Marburg stattfinden. Sie wurde von Studierenden der Friedens- und Konfliktforschung ins Leben gerufen und entstand aus der Idee, einen Austausch zu gestalten, die sich von herkömmlichen Konferenzen unterscheidet: Die Veranstaltung sollte vor allem auch einen Raum öffnen, um Erfahrungswissen zu teilen und miteinander voneinander zu lernen. Im Jahr 2015 wurde die kvu erstmals unter dem Titel „Konflikt. Macht. Kreativität.“ ausgerichtet, im Jahr 2017 folgte eine kvu mit dem Titel „wer bist ich? wer seid wir? wahrnehmungen. praktiken. konstruktionen. Eine Konferenz über Identität_en in uns und um uns herum.“